Die Linearperspektive - Teil 2

In der Bildenden Kunst versteht man unter der Bezeichnung „Perspektive“ die Darstellung eines sich verkürzenden Objektes (Gebäude, Mauer, Zaun, Straße, Gegenstände wie Möbel etc.) auf einer ebenen Fläche - dem Papier bzw. Malgrund.

Die Perspektivische Darstellung ist unserem Auge mittlerweile so vertraut - wobei natürlich die Fotografie maßgeblich beitrug), dass niemand auf die Idee käme, zu glauben, die nach hinten führende Straße wäre keilförmig gebaut, oder die Menschen im Hintergrund wären nur ein Viertel so groß wie der Mann im Vordergrund.


Dabei gibt ein perspektivisch gutes Bild ja nur unsere angelernte Seh- Erfahrung wieder, derzufolge uns Objekte mit zunehmender Entfernung verkürzt erscheinen. Parallel in den Hintergrund führende Linien eines Objektes führen in die Tiefe zum sogenannten "Fluchtpunkt".


  Alle Fluchtpunkte (und das können u. U. viele sein), befinden sich auf einer Linie, der sogenannten "Augenlinie". (früher oft fälschlicherweise 'Horizontlinie' genannt).

Ich will mich wirklich nicht in Details verlieren, aber folgende Punkte sind - wenn die Perspektive anzuwenden ist - absolut wichtig:


Die Augenlinie


MERKE: Die Augenlinie befindet sich immer exakt in der Höhe meiner Augen.

Wenn man nach Fotos malt, ist die Augenlinie nicht immer leicht feststellbar. Man muss überlegen, wo bzw. der Standpunkt des Fotografen war: Stand oder kniete er? Stand er erhöht (Vogelperspektive)? Sah er von unten zum auf einen Hügel befindlichen Motiv oder lag er gar am Bauch (Froschperspektive)?

Beim Malen bzw. Zeichnen im Freien, direkt vor Ort, ist es nicht wirklich leichter. Wenn ich also vor meinem Motiv sitze stelle ich mir die Augenlinie als waagrechte Querlinie vor, welche geradeaus in der Höhe meiner Augen liegt. Es ist unglaublich, wie schnell man sich dabei selbst "beschwindelt". Sie glauben es nicht? Testen Sie sich einmal selbst...

Anfängern empfehle ich deshalb immer den "Wasserglas-Trick":

Halten Sie ein halb gefülltes Wasserglas vor sich in Richtung Motiv. Halten Sie es so, dass die Wasserfläche im Glas kein Oval bildet, nicht zu tief und nicht zu hoch. Sie müssen also die Wasseroberfläche als geraden Strich sehen.
Jetzt können Sie ganz deutlich sehen, welche Objekte sich unter dem Strich (Augenlinie) oder oberhalb des Striches befinden.

Ich persönlich habe im Freien normalerweise kein Wasserglas mit dabei. Wenn ich aber mit Malgruppen unterwegs bin, benutze ich fallweise eine gläserne Sprühflasche zur Demonstration. Auch mit einem Kartonstreifen (oder Malblock)- waagrecht auf halbe Armlänge vor die Augen gehalten bis man nur mehr einen Strich sieht - kann man recht gut die Höhe der Augenlinie feststellen.

Es ist unglaublich, wie leicht man sich mit der Augenlinie täuscht, gerade auf hügeligem Gelände, wenn auch der Horizont sichtbar ist. Da liegt sehr oft die Augenlinie deutlich höher als der Horizont.....

MERKE:

Ale "Fluchtlinien" unterhalb der Augenlinie steigen - alle Fluchtlinien oberhalb der Augenlinie fallen zum Fluchtpunkt.


Fluchtpunkte und Hilfslinien ("Fluchtlinien")

 
Die wichtigsten Bezugspunkte für perspektivisches Zeichnen sind die Augenlinie und ein oder mehrere Fluchtpunkte (FP).

  Beginnen Sie eine Gebäudezeichnung möglichst mit der Ihnen am nächsten liegenden, markanten senkrechten Linie. Stellen Sie dann mit Hilfe der unter Teil1 gezeigten Techniken die Neigungswinkel für die Verkürzungen fest und versuchen Sie die Fluchtpunkte zu orten. Diese liegen aber fast immer außerhalb des Arbeitsblattes - so dass die Festlegung der Augenlinie mittels obiger Techniken naheliegt.

Geübte Maler werden eventuell darauf verzichten - ob sich das aber alle wirklich leisten können....?


Wenn Sie sich bereits für Perspektive interessiert haben, kennen Sie sicher solche, oder ähnliche Würfelzeichnungen.

Solche Zeichnungen finde ich ja ganz lustig und man kann das auch - vielleicht beim Telefonieren - zwischendurch mal machen. Aber wirklich weiterbringen wird das einen Anfänger nicht.

Auch in der Praxis wird man - außer bei technischen Zeichnungen - höchst selten eine Zentralperspektive (mit nur einem Fluchtpunkt) finden. Bei einigen New Yorker Straßenzügen mag das so sein, aber selbst das letzte Fotobeispiel auf dieser Seite beinhaltet keine "echte" Zentralperspektive....

Versuchen Sie stattdessen übungsweise, solche einfachen Hauszeichnungen zu machen. Am besten wäre es ja direkt vor einem Objekt, im Freien. Vielleicht haben Sie ja Glück und sehen vom Fenster aus einige Gebäude. Auf die Schönheit kommt es da ja nicht an. Versuchen Sie, zuerst die Augenlinie zu finden und zeichnen dann (aber ohne Lineal) ein einfaches Gebäude - unter Zuhilfenahme dünn gezeichneter (oder gedachter) Hilfslinien. Kontrollieren Sie erst zum Schluss die Fluchtpunkte und korrigieren Sie, wenn nötig.


Hier befindet sich die Augenlinie etwa in Normalhöhe. Da es sich bei diesem Beispiel um ein Haus mit recht steilem Dach handelt und das Gebäude zudem nicht sehr hoch ist, hat man auch einen Blick auf die Dachfläche.

Um den Dachgiebel richtig zu zeichnen, wird zuerst die Spitze des Dachgiebels ermittelt (siehe auch "Perspektive 3"). Auch von diesem Punkt führt eine Hilfslinie zum Fluchtpunkt.

  Die Dachschrägen verändern sich durch die Perspektive nicht. Also verläuft die hintere Schräge parallel zur Vorderen, wie an den gestrichelten, blauen Linien sichtbar gemacht wurde. 
  

ES GEHT AUCH SO:
Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich die Augenhöhe von selbst ergibt, wenn man mindestens zwei (gut zu sehende)in die Tiefe führende Linien findet. An deren Schnittpunkt zeichne (oder denke) ich eine waagrechte Linie - die Augenlinie!


Gleiches Gebäude, gleiche Situation - aber ein sehr flaches Dach. Hier sieht man nur mehr die Vorderseite des Dachgiebels, jedoch keine Dachfläche. Beachten Sie auch die Hilfslinien für die Fenster.

Dazu zeichne ich zuerst die erste, senkrechte Kante des mir am nächsten liegenden Fensters - und ziehe dann die Hilfslinien. Das Einsetzen weiterer Fenster ist dann kein Problem mehr - auch wenn es mehrgeschossige Gebäude mit vielen Fenstern wären. Beachten Sie aber, dass sich die Fensterbreite bei der perspektivischen Ansicht verringert. Siehe dazu auch "Perspektive 3".


 


Die Vogelperspektive

Hier ist die Augenlinie relativ weit oben - es handelt sich also um eine leichte Draufsicht - um die Vogelperspektive. Wenn man die Augenlinie also einmal eruiert hat, ist alles Weitere relativ einfach.

Sie sehen hier genau, dass alle Linien unter der Augenlinie nach oben zu den Fluchtpunkten führen.


Die Froschperspektive

Diese Situation einer leichten Froschperspektive ist relativ häufig vorzufinden. Immer dann, wenn Gebäude leicht erhöht, auf einem sanften Hügel stehen. "Zufällig" ist das Dach so steil (flach), dass es sich mit der Fluchtlinie deckt.

Achtung: Hier passieren sehr oft Fehler!


Bei dieser "echten" Froschperspektive ist es häufig so, dass man die Unterkanten der Gebäude nicht sehen kann. Beispielsweise, wenn das Gebäude etwas weiter hinten steht, oder Gebüsch etc. davor steht. Dennoch kann es entscheidend sein, die Fluchtlinien zu kontrollieren.


Eine Schwierigkeit, gerade für Anfänger, ist immer wieder das Zeichnen von Tür- und Fensterstöcken sowie von Kaminen. Auch hier helfen uns diese perspektivischen Grundregeln. Auch ein Fensterstock ist ein Objekt, für das exakt die gleichen Grundregeln gelten wie für das Gebäude.

Bei der vergrößerten Ansicht dieser einfachen Skizze sehen Sie sehr genau, wie die Fluchtlinien zu den gleichen Fluchtpunkten führen wie beim Gebäude. Üben Sie das Zeichnen von Fenster- und Türstöcken (das kann man auch in der Wohnung machen) - dann brauchen Sie garantiert keinen Kamin mehr zu scheuen!

Hüten Sie sich aber dennoch davor, jetzt, wo die Perspektive "sitzt", vor lauter Übermut zu detailliert zu aquarellieren. Immer daran denken: Weniger ist mehr. Aber das Wenige muss stimmen!


Fotobeispiele

Die folgenden Beispiele zeigen charakteristische Motivsituationen. Bei all diesen Darstellungen musste die Augenlinie nicht gesucht werden (was ja am Foto nicht immer leicht ist, wenn man es nicht selbst geschossen hat), sondern sie ergab sich aus den Kreuzungspunkten der verlängerten, vorhandenen Schrägen an den Gebäuden. Vor Ort hat man diese Möglichkeit allerdings nicht…

Bei den meisten dieser Beispiele liegen die Fluchtpunkte weit außerhalb des Bildes. Das ist auch in der täglichen Malpraxis meist so. Das heißt, wir werden praktisch immer die Neigungswinkel schätzen müssen.
Aber: Das Wissen um die Fluchtpunkte und die Augenlinie ist zur Kontrolle unbedingt erforderlich! 

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Leichte Froschperspektive - die Kapelle steht auf einer sanften Anhöhe.
Übrigens: Die "ideale Perspektiv-Ansicht" gibt es sowieso kaum. Wenn, dann nur in absolut ebenem Gelände. Und da müßte man als Aquarellmaler beim Malen (oder beim Fotografieren) stehen.

 

 

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Dieses Gebäude am "Piazza dell 'Unità d'Italia" - dem Hauptplatz von Triest ist natürlich ein extremes Beispiel. Aber auch hier folgt alles den "einfachen Grundgesetzen" der Perspektive.

Noch einmal: Konstruieren Sie niemals solche Gebäude mit "Perspektive + Lineal". Schätzen Sie (möglichst genau) die Neigungswinkel und die Größenverhältnisse - und kontrollieren Sie erst danach den Verlauf von "Fluchtlinien" - falls es überhaupt notwendig ist.
Irgendwann brauchen Sie das nicht mehr und werden über diese Übungen schmunzeln.…

 

 

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Wenn man knapp vor einem Gebäude steht oder sitzt, verkürzen sich die perspektivischen Linien extrem. Je knapper - um so stärker verjüngen sich die Fluchtlinien.

Dieses Phänomen verwirrt sehr oft auf Fotos, die mit extremen Weitwinkelobjektiv aufgenommen wurden. Gerade bei einfacheren Digitalkameras und mit Smartphones wird sehr oft mit der "Grundeinstellung" - und das ist meistens die Weitwinkeleinstellung, fotografiert.

 

 

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Dieses Beispiel wäre ein schönes Demonstrationsbild für die Zentralperspektive (nur ein Fluchtpunkt) - wenn das Haus ganz rechts außen nicht wäre. Aber sehen Sie selbst in der Vergrößerung.…
 

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Grundsätze der "einfachen Linearperspektive":

  • Objekte (Gebäude, Bäume, Menschen) verkleinern sich scheinbar mit zunehmender Entfernung vom Betrachter.
    Was also weiter weg ist, erscheint uns kleiner. Aus diesem Grund laufen sich entfernende, in Wirklichkeit parallele aufeinander zu, auf deren Fluchtpunkt(e) zu.
  • Senkrechte Linien verändern sich niemals - sie bleiben immer senkrecht.
  • Bei frontaler Draufsicht bleiben waagrechte Linien immer waagrecht.
  • Der Fluchtpunkt (bei der Zentralperspektive) bzw. die Fluchtpunkte - so viele es auch sind - liegen immer auf der Augenlinie.
  • Die Augenlinie befindet sich immer in Augenhöhe des Betrachters (Maler, Fotografen).
  • Alle "Fluchtlinien" unterhalb der Augenlinie STEIGEN - alle Fluchtlinien oberhalb der Augenlinie FALLEN zum Fluchtpunkt.


ABER EIGENTLICH SOLLTE DIES AN ERSTER STELLE STEHEN:
 

"Versuche niemals mit Hilfe der Perspektive zu konstruieren, sondern nutze die Perspektive, um zu überprüfen, oder - fallweise - um (z.B. durch Büsche, LKWs etc.) verdeckte Gebäudeteile zu ergänzen.

Zeichne und male aber grundsätzlich das, was Du siehst - und nicht das, was Du weißt oder glaubst zu wissen".


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