Sofort locker und frei malen...?

Genau das ist das vorrangige Ziel vieler meiner Studenten. Für eine Vielzahl ist gerade der Wunsch nach Lockerheit sogar der Hauptgrund, einen meiner Kurse zu besuchen.
Nun, warum sollte man nicht gleich „locker und beschwingt“ beginnen, ohne lästigem Skizzieren und Zeichnen, also gleich flott und entspannt einen großen Bogen Aquarellbogen zum Kunstwerk machen. Einfach frech drauflos malen, „aus dem Bauch heraus“ - denn wichtig ist das Loslösen vom Zwang, und nicht das mühsame genaue Hinschauen und zeichnerische Erfassen des Motivs im Vorfeld.
Die Antwort ist sehr einfach: Weil es nicht funktionieren wird! Von nicht wiederholbaren Zufallserfolgen einmal abgesehen. Das Zeichnen ist nun mal die Grundlage aller bildenden Künste. Und das muss wirklich „sitzen“. Allerdings kommt vor dem Zeichnen noch etwas außerordentlich Wichtiges, das richtige Sehen.

Richtig sehen ist meines Erachtens der Schlüssel für eine gute Zeichnung – und diese wiederum die Voraussetzung für ein gutes Aquarell. Erst wenn man in der Lage ist, ein Motiv zu erkennen und die spezifischen Formen und Proportionen erfassen – also „sehen“ kann, ist man in der Lage, das Motiv zu zeichnen bzw. zumindest zu skizzieren. Ebenso müssen auch die Tonwerte bzw. Helligkeitsunterschiede gesehen und erfasst werden. Manche bezeichnen diese Phase des Sehens und Aufnehmens auch als „Zeichnen im Kopf“.

Nun kann man beim Zeichnen selbstverständlich – wenn es für das späteres Aquarell gut und wichtig ist – noch Änderungen durchführen, wie Schatten verstärken oder auch Objekte hinzufügen oder weglassen. Aber Vorsicht: Bevor man sich auf solche Spielchen einlässt, sollte man in der Lage sein, naturalistisch, also naturgetreu zu zeichnen.

Fällt die Zeichnung (oder die Skizze) zufriedenstellend aus, kann eine leichte Vorzeichnung auf das Aquarellpapier erstellt werden. Verwendet man für die Skizze eventuell einen weicheren Grafitstift, so sollte der Stift für die Vorzeichnung nicht zu weich sein, da das saubere Papier sonst zu schnell verschmutzt. Ich empfehle dafür Minen mit maximal 2B Härtegrad. Ein ganz normaler Schulbleistift tut's aber auch. Manchmal wird aber auch ein wasserlöslicher Aquarellstift (oft Ocker oder Sepia) zum Vorzeichnen verwendet. Geht auch – lässt sich jedoch sehr schwer radieren, dabei wird oft das wertvolle Aquarellpapier verletzt. Aber auch mit stark verdünnter Aquarellfarbe kann „vorgezeichnet“ werden. Das erfordert natürlich schon recht viel Sicherheit.

Merke: Stimmt die Zeichnung nicht, wird aller Voraussicht nach auch das Aquarell nicht gut!

Jetzt kann das Aquarellieren beginnen! Jedoch sollte man das (verführerische) „Ausmalen“ der Zeichnung unbedingt verhindern! Und dann heißt es üben, üben und nochmals üben. Anfangs kann man das nach ausgesuchten, guten Aquarellen eines Künstlers machen, um sich das Handwerkliche anzueignen. Bald aber sollte man sich davon lösen und Eignes versuchen. Das ist nicht einfach - aber sicher der einzige Weg zum Erfolg!

Das Reduzieren und Vereinfachen („locker und frei“) beim Aquarellieren wird erst dann funktionieren, wenn man imstande ist, jegliches Motiv exakt und genau wiederzugeben. Erst dann kann man – sofern man es möchte – Unwesentliches weglassen oder auch vernachlässigen. Geht man diesen scheinbaren Umweg nicht, ist der Misserfolg vorprogrammiert. Dafür gibt es gerade im Internet tausende Beispiele.

Gerade bei perspektivischen Auffälligkeiten hört oder liest man bisweilen „ich wollte das so“ oder den trivialen Spruch von „künstlerischer Freiheit“.

Glauben Sie das nicht. Ich bin ganz sicher, die oder der konnte es einfach nicht besser!